Hospiz

Am Ende gut begleiten und loslassen.

Geschrieben von Renate Lohmann

Hospiz ist Haltung – nicht Ort

Die moderne Hospizidee entsteht bereits Ende der 1960er-Jahre in Großbritannien und den USA. Fachkräfte in allen Bereichen der Gesundheitssorge erleben in ihrer Arbeit zunehmend, wie das Lebensende aus der produktiven Gesellschaft verdrängt wird. Die rasanten medizinischen Fortschritte verlängern diesen Prozess dabei oft auf viele Monate und Jahre. In umfassender Zusammenarbeit aller beteiligten Disziplinen und in enger Absprache mit den Patient:innen und deren Angehörigen ermöglicht die Hospizbewegung ein würdevolles Leben bis zuletzt. Auch in Deutschland etablierte sich die Hospizbewegung, eher aus der Zivilgesellschaft, als aus den Fachbereichen der Medizin, Pflege, Sozialarbeit oder Seelsorge.

Die Hospizarbeit der heutigen Tage hat ihre Notwendigkeit und Aktualität nicht verloren. Der sterbende Mensch ist im Gesundheitsbereich zwar mehr in den Fokus gerückt, auch An- und Zugehörige finden Berücksichtigung in der Fachwelt, doch die Gesellschaft an sich, also das Zusammenwirken der einzelnen Menschen scheint vielfach den Kontakt zu dem Lebensabschnitt Sterben nicht oder noch nicht gefunden zu haben.

Hospizarbeit heißt daher gerade sehr aktuell einfach DASEIN für andere Menschen in einer besonderen Lebensphase, die wir alle durchleben werden. Das macht uns alle zu Profis und gleichzeitig bleiben wir Laien, weil wir, bis es uns getroffen hat, Zuschauende und maximal Begleitende sind.

Das Wort Hospiz hat dieselben Wurzeln wie Hospital und Hostel/Hotel. Cicely Saunders, eine der Gründerinnen, hat das Wort bewusst gewählt, in Anlehnung an die Pilgerherbergen des Mittelalters. In Hospizen, die meistens Klöstern angeschlossen waren, konnten Menschen übernachten, Kranke wurden dort gepflegt, bis sie weiterziehen konnten und Sterbende wurden ebenfalls beherbergt und nach dem Tod meistens auf einem dazugehörigen Friedhof begraben. Hospize waren Herbergen für Pilger, kranke und sterbende Menschen – Menschen auf dem Weg. Eine Mischung aus Hotel, Krankenhaus und Pflegeheim (auf dem Lebens-Weg). Die heutige Hospizbewegung – in Deutschland gehören ihr ca. 90 000 Menschen an – ist eine Bürgerinitiative mit dem Ziel, Menschen zu ermöglichen, in Würde zu sterben. Dabei stellt Würde den Wert da, den die Begleiteten (Sterbende und deren familiäre und soziale Netzwerke) formulieren. Um dieser Anforderung gerecht zu werden, verpflichtet sich die Hospizbewegung zu Werten und Regeln, die unverändert die Grundpfeiler der Bewegung und Unterstützung darstellen.

Hospiz ist nicht an einen Ort gebunden. Hospiz heißt sich dem Leben stellen und dazu gehört die Lebensphase Sterben zu gestalten. Das kann an jedem Ort sein. Herberge sein, drückt sich in Haltung einem anderen Menschen gegenüber aus. Die Anerkennung, dass dieser Mensch auf dem Weg ist und je nach Wunsch Begleitung erfährt, die für eben diesen Menschen hilfreich ist, ist auch heute noch der Grundgedanke. Zentrale Anliegen dabei sind: Zeit haben, Raum geben, zuhören, geschehen lassen, Unterstützung bieten, nähren in vielerlei Weise, die Banalitäten des Lebens und des Alltags ermöglichen, das Leben bejahen und das Gehen begleiten. Für die vielen ambulanten Hospizdienste heißt das, an jedem Ort diese Haltung zu leben, an dem Unterstützung gewünscht ist. Für die stationären Hospize erweitert sich diese Grundhaltung um die Aspekte der Herberge, die eine kompetente menschliche Beherbergung und Pflege beinhalten.

Hospiz ist für alle da unabhängig vom Alter, Geschlecht, Nationalität, körperlicher, geistiger, seelischer Ausstattung. Hospiz versteht sich als überparteilich und überkonfessionell. Hospiz ist da für schwerkranke und sterbende Menschen in ihrer letzten Lebensphase und ihre An- und Zugehörigen sowie Menschen in Trauer nach einer Verlusterfahrung.

Hospiz bedeutet Lebensqualität vor Lebensquantität. Hospiz will in der Gesellschaft einen bewussten und reflexiven Umgang mit Sterben und Tod anstoßen, ermöglichen und mittragen. Anliegen ist es das Sterben und den Tod im Leben zu belassen und Schwerkranke, Sterbende und deren An- und Zugehörige nicht auszugrenzen. In der Lebensphase des Sterbens dort leben dürfen, wo der Lebensmittelpunkt definiert wird, trägt zur stärkenden Definition von Lebensqualität bei und entspricht damit dem Grundanspruch der Unterstützung durch die Hospizbewegung. Als wesentliches Merkmal der Hospizwegung ist die Basis der Ehrenamtlichkeit zu sehen.

Menschen sind für Menschen da, weil sie Menschen sind und sterblich.

Über

Renate Lohmann

Dipl. Pädagogin, Leitung Stiftung Hospizdienst Oldenburg, Palliative Care-Fachkraft, Mediatorin, Supervisorin (SG)

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