Leben und Tod

Vielfältig leben und sterben.

Geschrieben von Klaus Gertoberens

Der Umgang mit Tod und Trauer gehört zu den größten Aufgaben des menschlichen Daseins. Und dennoch: Mit der Endlichkeit des eigenen Lebens, mit dem Sterben, beschäftigen sich die meisten nicht gerne.

In den Zeiten der Corona-Pandemie werden sie aber dazu gezwungen. Der Tod allgegenwärtig. Krankheit und Sterben sind wieder zum Schreckgespenst geworden, die Furcht davor beherrscht alles. Dringt so die Endlichkeit des Menschen wieder ins Bewusstsein, wird zugleich entlarvt, wie unsere Gesellschaft mit dem Tod umgeht: In den Medien ist er omnipräsent, den natürlichen Umgang mit dem Sterben und das Trauern haben wir aber verlernt. Öffentlich wird sehr viel über Maßnahmen gesprochen, über Gebote und Verbote, Einschränkungen und Freiheiten. Aber es wird sehr wenig darüber geredet, was tatsächlich passiert, wenn in Familien jemand mit oder durch Corona stirbt. Das Virus ist eine kollektive Katastrophe, aber die Tode werden wie individuelle Schicksalsschläge behandelt.

Dies scheint nur konsequent. Der technische und medizinische Fortschritt hat in den letzten Jahrzehnten den Tod in immer weitere Ferne gerückt. Uns ist zwar klar, dass wir irgendwann sterben werden. Doch gleichzeitig gibt uns die Gerätemedizin das trügerische Gefühl, der Tod sei etwas, das wir auf einen unbestimmten Zeitpunkt hinausschieben können. Das Sterben ist für uns ein Unfall, ein Versagen der Medizin, ein Kampf, der verloren gegangen ist.

Der natürliche Umgang mit dem Tod ist verloren gegangen. Früher war das anders. Da waren Tod und Leben nicht getrennt. Dem Menschen des Mittelalters war die Allgegenwart des Todes klar. Der Tod war in das Leben integriert wie Geburt und Heirat; es wurde in aller Regel zu Hause gestorben. Mittelalterliche Darstellungen, auf denen der Tod als Skelett mit Machtsymbolen wie Papstkrone und Bischofsstab ausgestattet ist, zeigen dieses allgemeine Todesbewusstsein. Den Menschen wurde vor Augen gehalten: Der Tod ist allmächtig und triumphiert letztendlich über alles Irdische.

Bis ins späte 19. Jahrhundert hinein war der Tod ein öffentliches Ereignis. Angehörige wuschen Verstorbene, kleideten sie neu ein, bahrten sie zu Hause auf, drückten ihnen ein letztes Mal die Hand. Freunde, Bekannte, Nachbarn kamen vorbei, um sich zu verabschieden. Der Sarg wurde in einem offenen Leichenwagen durch die Straßen gefahren.

Im 20. Jahrhundert begann dann die Privatisierung der Trauer. In seinem einflussreichen Werk „Geschichte des Todes“ diagnostizierte der französische Historiker Philippe Ariès bereits in den späten 1970er-Jahren, dass sich das Trauern und der Tod aus unseren Gesellschaften ausgeschlichen haben und nicht mehr als öffentliches Ereignis stattfinden. Er spricht vom „gezähmten Tod“, um den das Individuum in der Moderne betrogen werde, weil es im Unklaren über das eigene Ableben bleibe.

Wir verdrängen alles, was mit Krankheit, Sterben, Tod und Endlichkeit zu tun hat. Bei der Begegnung mit einem Sterbenskranken oder mit Hinterbliebenen verfallen viele aus Unsicherheit in ein beklommenes Schweigen oder manchmal in eine überdrehte Geschwätzigkeit. Auch meidet man lieber Menschen, die einen nahen Angehörigen verloren haben. Wir schicken ihnen Briefe, zitieren aus einem Repertoire von Standardsätzen, weil wir uns nicht zutrauen, selbst die richtigen Worte zu finden.  Zu sagen gäbe es einiges, hätten wir eine gemeinsame Sprache, Riten und mehr Akzeptanz für die Endlichkeit der Dinge.

Es gibt nur noch wenige Gesellschaften – etwa in Peru oder Polen – in denen eine Beerdigung ein Ereignis ist, das ganze Familien und Nachbarschaften auf die Beine bringt. Es ist ein Fest, das nicht nur Trauer kennt, sondern auch die Freude dankbarer Erinnerung. Kinder lernen dabei, dass der Tod wie selbstverständlich zum Leben gehört.

Das eigene Bett, der gewohnte Blick aus dem Fenster und die vertrauten Menschen im Zimmer: Die meisten Deutschen wollen am liebsten zu Hause sterben. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Die meisten Menschen sterben heute in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Dabei ist der Wunsch, zu Hause sterben zu dürfen, aus medizinischer Sicht kein unrealistischer Wunsch: Der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio schreibt in seinem Buch „Über das Sterben“, dass in geschätzt 90 Prozent der Fälle Menschen mit Begleitung eines geschulten Hausarztes und eventuell mit der Unterstützung von Hospizfachkräften gut versorgt zu Hause sterben könnten.

Die Hospizbewegung ist seit rund 25 Jahren bei uns aktiv. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, dass Menschen in den schwersten Stunden ihres Lebens Beistand und Schmerzlinderung erfahren. Mit der behutsamen Ummantelung am Lebensende, nichts anderes umschreibt ja das lateinische Wort „pallium“ – Mantel, wird auf Palliativstationen und Hospizen – oder eben zu Hause durch die sogenannten SAPV-Teams – versucht, den Patienten ihre verbleibende Zeit mit der bestmöglichen Lebensqualität zu füllen.

Niemand ist verpflichtet, sich mit seinem Sterben auseinandersetzen, doch die Gedanken an den Tod lassen sich nicht vertreiben. Jeder, der sich fragt, was er eigentlich im und vom Leben will, landet zwangsläufig beim Thema Tod. Auch deshalb sollten wir nicht erst dann über das Sterben sprechen, wenn es dafür zu spät ist. Das Sterben erschüttert uns oft mehr als die Endgültigkeit des Todes, und gerade deshalb dürfen wir es nicht tabuisieren.

 

Über

Klaus Gertoberens

Chefredakteur der Zeitung Leben & Tod. Arbeitete zuivor 15 Jahre für die „Süddeutsche Zeitung“ ehe er 1990 Chefredakteur der Dresdner Tageszeitung „Die Union“ wurde. Anderthalb Jahrzehnte war er in leitender Position für sächsische Zeitungen tätig.

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