Home Foren Palliative Care Braucht es noch mehr Öffentlichkeit für die Palliativmedizin?

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  • #1799

    Meike Wengler
    Administrator

    Ist das Angebot von Palliative Care und Palliativmedizin schon überall in Deutschland bei Hausärzten oder Bürger:innen angekommen? Muss noch mehr dafür getan werden, dass wirklich alle Hausärzte um die Angebote wissen? Wie sind Ihre Erfahrungen in Ihrer täglichen Arbeit?

  • #1867

    Sandra Kötter
    Mitglied

    Als Hospizdienst machen wir in Vorträgen und in Begegnungen noch immer die Erfahrung, dass unser Angebot (und damit verbunden sicher auch das der Palliativmedizin) nicht bekannt genug ist, es unklare Vorstellungen oder auch Vermischungen der Informationen gibt, beispielsweise, dass unsere ehrenamtlichen Sterbebegleiter:innen keine Pflege übernehmen, dennoch ein wichtiger Part für die Patienten sein können.

    Ähnlich scheint es auch im Bereich der Palliativmedizin zu sein, zu berichten, dass es z.B. SAPV-Angebote gibt, dass der Hospizdienst eine hospizliche Pflegeberatung übernimmt, um die Vielfalt der Möglichkeiten unverbindlich aufzuzeigen.

    Gerade in der aktuellen Diskussion um den Assistierten Suizid weisen Fachleute wie Frau Prof. Bausewein und Herr Prof. Hardinghaus zurecht immer wieder darauf hin, wie wichtig die Suizidprävention ist – dazu gehört sicherlich eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit für die Möglichkeiten der palliativen Versorgung.

  • #1868

    Meike Wengler
    Administrator

    Ja, da gibt es sicherlich noch viel zu tun und man kann gar nicht oft genug darüber in der Öffentlichkeit sprechen.

  • #1901

    Als ehrenamtliche Hospizbegleiterin mit einer guten Ausbildung durch unseren Beueler Hospizverein hier in Bonn weiß ich selber einiges über Palliative Care und die Möglichkeit von SAPV-Angeboten und kann diese Informationen auch weitergeben. Aber bei meiner letzten Begleitung eines Sterbenden zu Hause musste dieser leider eine schlimme Erfahrung machen, die ich dann mit ihm nur teilen konnte, aber nicht ändern. Nachdem er im Krankenhaus eine künstliche Ernährung verweigert hatte (mit Pat.verf. war alles geregelt), wurde er nach Hause entlassen und dort von seinem Neffen und einer osteuropäischen Hilfskraft versorgt. Als Sterbebegleiterin war ich, so oft es nötig und mir möglich war, auch dort. Der Sterbende konnte – und wollte – kaum Nahrung zu sich nehmen, nahm nur etwas Flüssigkeit auf, der Sterbeprozess begann und eine palliativ-medizinische Versorgung, z.B. zur Schmerzbehandlung, wäre wichtig gewesen. Der Versuch, den Hausarzt zu einem Hausbesuch zu bewegen, damit die Indikation für Palliativversorgung von medizinischer Seite klar gestellt würde, scheiterte daran, dass dieser einfach keine Zeit fand! Seine Praxis war total überlastet durch zu wenig Personal und zu viele Covid-Impfungen (!), dass er einigermaßen kurzfristig nicht kommen konnte! Und der Versuch, jemanden vom zuständigen Palliativteam direkt für einen Hausbesuch zu gewinnen, scheiterte nicht nur an der noch fehlenden Indikationserstellung durch den Hausarzt – auch sie sagten, dass sie zurzeit keine weiteren Patient*innen versorgen könnten, da einige aus dem Team inzwischen auf Intensivstationen „einberufen“ worden wären und das übrige ambulante Team jetzt einfach zu klein sei. So blieb es bei telefonischer (!) medizinischer Beratung durch eine Notärztin, die der Neffe einmal nachts rufen musste, die Schmerzversorgung und Hilfe gegen Atemnot erfolgte durch von ihr empfohlene Medikamente, die in der Apotheke besorgt werden konnten. Zum Glück waren die Schmerzen des Sterbenden nicht übermäßig stark, so dass Paracetamol erst einmal ausreichte; das zunehmend erschwerte Atmen und die dadurch entstehende Angst konnten mithilfe von Tropfen und vor allem durch menschliche Nähe erleichtert werden. Nach 8 Tagen zu Hause ist der 93-jährige dann im Beisein seines Neffen und einer guten alten Freundin am späten Abend ruhig gestorben…

    Mich hat diese ganze Begleitung sehr nachdenklich zurück gelassen – es war dann gut so, wie es war. Aber die medizinische palliative Versorgung fehlte einfach und zeigte mir, wie begrenzt deren Möglichkeiten und Personalstärken, gerade jetzt in Pandemiezeiten, leider immer noch sind. Das wollte ich einfach hier mal loswerden…

    Gruß aus Bonn! Barbara

  • #1908

    Meike Wengler
    Administrator

    Danke für diesen Einblick in Ihre Arbeit. Haben andere Mitleser:innen auch ähnliche Erfahrungen gemacht?

  • #1958

    Claudia Liebau
    Mitglied

    Ich kann mich da Frau Westphal nur anschließen. Ich arbeite in einer großen Einrichtung der Eingliederungshilfe, zum Glück habe wir 2 interne Hausärztinnen, von denen eine eine Palliativärztin ist. Da ist die Versorgung schon sehr gut, nur, sobald externe Ärzt*innen zuständig sind, wird es schwierig, gerade, weil da oft die Zeit fehlt. Bezüglich der Symptomkontrolle ist die Versorgung eh schon herausfordernder durch das besondere Klientel, externe Ärzt*innnen sind da auch öfter mal überfordert. Auch intern werden durch die Mitarbeiter*innen oft die Zuständigkeiten durcheinander gebracht, bezüglich SAPV oder der Begleitung durch Ehrenamtliche des Hospizvereins. Da erfordert es ständige Netzwerkarbeit, immer wieder erklären, immer wieder aufklären. Ich als Palliativbeauftragte und Beraterin der GVP muss da ständig am Ball bleiben. Jetzt , in Coronazeiten, nochmal eine andere Herausforderung.

    Palliative Care ist ja in den letzten Jahren schon viel mehr in den Köpfen der Menschen, aber um das Wissen nachhaltig zu implementieren, dass es da Menschen gibt, die das Sterben ohne großes Leiden ermöglichen können, braucht es meiner Erfahrung nach noch mehr Öffentlichkeitsarbeit.

    Grüße von Claudia Liebau aus dem schönen Rotenburg an der Wümme

  • #1971

    Meike Wengler
    Administrator

    Ja, da heißt es immer wieder davon erzählen und berichten. Und aufgeklärte Patient:innen/Angehörige können dazu beitragen, dass Übergänge besser funktionieren. Und ich gebe Ihnen Recht: es braucht ein gutes Netzwerk!

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